Allgemeines Recht vs. Gewohnheitsrecht

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Ich bevorzuge den Begriff „Allgemeines Recht“ gegenüber dem Begriff „Gewohnheitsrecht“. Dem Begriff Gewohnheitsrecht haftet Mißverständlichkeit an, weil er im Rahmen des gesetzten bzw. gesetzlichen Rechts eine Rolle spielt, und zwar insofern, als aus Gewohnheitsrecht gesetzliche Rechtstitel abgeleitet werden können, wenn ein Gericht feststellt, daß Gewohnheitsrecht nach gesetzlichen Maßstäben „eingetreten“ ist. Gewohnheitsrecht im gesetzlichen Sinne bezieht sich also nur auf den Teil des Gewohnheitsrechtsraumes, der Lücken im gesetzlichen Rechtsraum ausfüllt und deshalb vom gesetzlichen Rechtsraum aus überhaupt nur wahrgenommen wird.

Alles, was an Normen außerhalb des gesetzlichen Raums liegt, also von privaten Absprachen über Naturgesetze bis zu irgendwo deklarierten Menschenrechten, wird aus dem gesetzlichen Raum heraus nicht wahrgenommen, es existiert nicht bei der gesetzlichen Entscheidungsfindung. Die gesetzliche Rechtsordnung kann nur sehen, wofür sie zuständig und verantwortlich ist: für ihre eigenen Gesetze. Sie kann nur Staatsbürger und staatsbürgerliche Körperschaften sehen und ist auch nur für Staatsbürger und staatsbürgerliche Körperschaften zuständig und verantwortlich. (Und für Gäste des Staates, natürlich.)

Da also in der Kommunikation mit der Welt des gesetzten Rechts der Begriff „Gewohnheitsrecht“ im Sinne des gesetzen Rechts vordefiniert ist, sollten wir der Eindeutigkeit halber auf den alten Begriff des Gemeinrechts, des allgemeinen, für alle geltenden Rechts zurückgreifen. Das Allgemeine Recht im Sinne ungeschriebenen Gewohnheitsrechts kann nur Menschen sehen, da nur Menschen bewußt handeln können. Juristische Personen im Sinne von Körperschaften gibt es im Allgemeinen Recht nicht. Sieht man den Menschen im Lichte des früheren germanischen bzw. slawischen Gemeinrechts, also dem hiesigen „vorrömischen“ Gemeinrecht, so sieht man ihn stets als Mittelpunkt seiner sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen, nie als Einzelnen. Sieht man den Menschen dagegen im Lichte des römischen Gemeinrechts des Mittelalters, so sieht man ihn bereits losgelöst von seinem Umfeld als vereinzeltes, quasi im sozialen Vakuum angesiedeltes Individuum. Es existieren vor Gericht nur noch fiktive Rechtssubjekte und abstrakte Tatbestände. Gerechtigkeit im Sinne des menschlich-inhärenten Rechtsempfindens ist bei solcher Herangehensweise wohl kaum möglich.

Ich bevorzuge also ein Allgemeines Recht in der vorrömischen Tradition, das den Menschen in seinen sozialen Beziehungen betrachtet und Recht im Sinne der menschlichen Gemeinschaft spricht. Daher denke ich, wir sollten hierzulande Allgemeine Gerichte vorrömischer Tradition einrichten, um als Menschen die notwendigen Rechtsmittel außerhalb gesetzlichen, römisch geprägten Rechts zur Verfügung zu haben.

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