Sich beugen, um nicht zu zerbrechen

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Das war gestern der Tag der Entscheidung. Gleichzeitig mit meiner Einsicht, daß Recht ist, was von vielen als Recht empfunden wird, auch wenn ich und andere es anders empfinden, kam die Antwort vom Einwohnermeldeamt:

Sehr geehrte Frau XYZ

Sie haben bei uns ein Schreiben vom 29.02.2012 mit Anlagen eingereicht. Die Mitarbeiterinnen der Stadt im Einwohnermeldeamt arbeiten nach gesetzlichen Vorgaben, die zu bestimmten Handlungen ermächtigen.
Das von Ihnen Vorgebrachte kann hier nicht nachvollzogen werden und findet im Gesetz keine Stütze.
In dieser Angelegenheit kann ich Ihnen keine andere Auskunft geben.

Mit freundlichen Grüßen
im Auftrag
Sachgebietsleiterin Bürgerdienste

Mein Problem ist, daß in einer Kleinstadt,  wo die Menschen keine Durchreisenden sind, sondern eine verwurzelte, eng mit einander verwobene Gemeinschaft, die Sachbearbeiter in der Verwaltung und überall im „System“ keine Fremden sind, die mir egal sein können. Es sind meine eigenen Leute, und wenn ich ihre Denkweise für sklavisch halte, so ändert das nichts daran, daß sie Menschen sind wie ich. Sich rücksichtslos über ihr Rechtsempfinden hinwegzusetzen, weil ich ein anderes habe, und deswegen absehbar mit ihnen in ständige Konfrontation zu gehen, katapultiert mich aus ihrer Mitte heraus. Ich bin dann diejenige, die sich aus der Gemeinschaft herausnimmt und damit von der Gemeinschaft lossagt.

Recht ist, was allgemein als Recht empfunden wird. Die Leute hier empfinden ausschließlich das Gesetz als Recht und können sich außerhalb dessen nur Chaos, Mord und Totschlag vorstellen. Wenn ich dieses von ihnen als unbequem aber nötig empfundene System in Frage stelle und damit nicht nur gegen das System, sondern auch gegen sie und ihre Interessen rebelliere, habe ich nichts gewonnen, und sie auch nicht. Solange man nicht tatsächlich unter Gleichgesinnten lebt oder seine Freiheit wenigstens mit als rechtmäßig geltenden Mitteln durchsetzen kann, bezahlt man Freiheitsstreben mit sozialer Handlungsunfähigkeit.

Der Weg der Menschenrechte ist in diesem Fall nicht der Weg des Menschen, sondern der Weg des rücksichtslosen Prinzipienreiters. Die Gemeinschaft trägt ein schweres Joch und findet es normal. Ich helfe ihr nicht, wenn ich das Joch im Alleingang abwerfe, sondern ich lasse sie allein zurück. Ich entziehe ihr mein Potenzial. Ich vergebe mir und ihr die Möglichkeit, das Joch irgendwann gemeinsam abzuwerfen. Ich handle in meinem Interesse, nicht im Interesse der Gemeinschaft. Wenn ich etwas erreichen will, muß ich es mit meiner Gemeinschaft tun, nicht gegen sie. Was habe ich von meiner Freiheit, wenn sie mich von den anderen isoliert?

Das Paradox: Indem ich meine mögliche Freiheit gegen die Gemeinschaft durchzusetzen versuche, handle ich römisch-egoistisch-unmenschlich, und indem ich meine mögliche Freiheit im Interesse der Gemeinschaft dem herrschenden römisch-egoistisch-unmenschlichem Recht unterordne, handle ich germanisch-gemeinschaftlich-menschlich.

Der schwere Weg ist in Wirklichkeit der einfache, unverantwortliche, der vermeintlich leichte Weg entpuppt sich als der schwere, verantwortliche. Wenn ich mich aufrecht in den Sturm stelle, zerbreche ich und niemandem ist geholfen. Nichts wird anders sein, außer, daß ich nicht mehr da bin. Nur wenn ich mich wie die anderen beuge, kann ich für die anderen dasein und vielleicht etwas für uns alle ändern helfen.

Fazit:
Kaum habe ich meine Identität als Mensch mit Geburtsrechten entdeckt, opfere ich sie auch schon auf dem Altar der Menschlichkeit. Das Leben ist fürwahr absurd. Aber die Stürme der Geschichte überlebt man nur gemeinsam.

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