Über Ureinwohner und Kinder einer Landschaft

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Ich habe immer  nach einer Formulierung gesucht, wie Mensch sich in seiner Heimat am besten bezeichnet. Ich kam auf Eingeborener und Einheimischer,  Alteingessener traf es schon nicht mehr, weil sich das auf Generationen hintereinander am selben, lokal eingegrenzten Ort bezog.

Warum bin ich nicht früher auf  „Ureinwohner“ gekommen? Weil das so hoffnungslos nach Reservat und Minderheit klingt und es deshalb nicht in Frage kam? Aber es bezieht sich auf die Angehörigen eines seit langem in einer Landschaft lebenden Volkes. Das trifft es besser als Eingeborener (bezieht sich nur auf die eigene Geburt in einer Landschaft, selbst wenn schon die Eltern woanders herkamen) oder Einheimischer (bezieht sich nur auf langjährige Ansässigkeit in einem engeren Landstrich, impliziert aber nicht die eigene Geburt vor Ort).

Ich habe früher nie verstanden, warum die völkische Fraktion steif und fest behauptet, man müsse mindestens in einem Land geboren sein, um wirklich dazuzugehören und zur Seele und den besonderen Geistwesen des Landes eine Beziehung haben zu können. Ich fand das rassistisch, ausgrenzend, ungerecht.

Aber nun finde ich, es stimmt. Das hätte ich nie von mir erwartet. Muß ich jetzt enttäuscht sein von mir?

Man kann adoptiert und assimiliert werden, man kann Jahrzehnte als Zugezogener in einer Landschaft verbringen. Nur in einem Punkt bleibt man immer unwiderruflich anders: Man ist nicht aus demselben Fleisch und Blut wie die „Ureinwohner“ und weniger an die Landschaft gebunden.

Wenn die Eltern aus dem Wasser und der Nahrungssubstanz einer anderen Landschaft bestanden und die Mutter während der Schwangerschaft das Wasser und die Nahrungssubstanz einer anderen Landschaft zu sich nahm, entsteht auch der Körper des Kindes in ihr aus einer anderen Landschaft. Man ist nicht nur im übertragenen Sinne mit dem Land verwurzelt, sondern auch im wörtlichen. Man besteht aus dem Land, von dessen Wasser und Bewuchs man sich direkt oder indirekt ernährt. Man wird ein Körperteil des Landes, das einen ernährt. Je länger zurück die Ernährung aus genau diesem Land in der Familie reicht, desto stärker die körperliche Bindung daran.

Ein Mensch, der erst nach seiner Geburt an einen Ort kommt, um dort zu leben, wird daher nie diegleiche Bindung an die neue Landschaft erfahren können wie ein Kind, dessen Vorfahren körperlich seit Generationen aus dem Wasser und der Nahrung genau dieser Landschaft bestehen, in das es hineingeboren ist, das im wahrsten Sinne des Wortes ein Kind genau jenes Teils der Erde ist, auf dem es lebt.

Diese Tatsache als Tatsache hinzunehmen, muß nicht gleich in Rassismus und sonstige Ausgrenzung ausarten. Niemand hat mehr Rechte oder ist mehr wert als andere, nur weil er an dem Ort geboren ist, an dem er lebt, oder seine Vorfahren schon länger hier lebten als die anderer Einwohner. Man könnte aber vielleicht eine Erklärung für bestimmte Verhaltens- und Denkweisen daraus ableiten, die sonst womöglich unverstanden blieben.

Es ist ein schönes Gefühl, zu den Ureinwohnern zu gehören, wo man lebt. Man ist Teil des Lebenskreislaufs, eines größeren Ganzen. Man profitiert von denen, die vor einem hier aus der Erde hervorgegangen sind und hier gewirkt haben, und hat Verantwortung gegenüber denen, die nach einem hier aus der Erde hervorgehen werden. Man ist kein Durchreisender. Man hat ein ausgeprägteres Identitätsgefühl, man hat mehr inneren Halt. So zumindest geht es mir, seit ich weiß, wo ich hingehöre.

Kosmopoliten könen diese Verantwortung vorherigen und nachfolgenden Generationen gegenüber nicht empfinden, da bin ich mir ziemlich sicher. Sie können überall nur bindungslose Durchreisende sein. Wer das genießt – bitteschön. Für mich ist das Horror. Und ich weiß nun auch, warum …

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