Hochemotionales Beispiel für die Subjektivität ethisch-moralischer Konzepte

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Aulöser für meine – anstrengenden, aber notwendigen – theoretischen Erwägungen der letzten Tage war die sich als schwierig erweisende Diskussion mit einem Voluntaristen, der auf Meinungsverschiedenheiten sehr emotional reagierte.

Er war der festen Überzeugung, daß es ethische Normen gebe, die objektiv für alle Menschen verbindlich gelten. Ich war nicht dieser Ansicht. Eines seiner Beispiele zur Untermauerung seiner Position war folgendes Szenario:

Er fährt mit seiner Frau in den Urlaub in einen fremden Kulturraum, sagen wir, den arabischen, und dort wird sie von einer Gruppe Einheimischer vergewaltigt (Achtung, Klischee!).

Ich müsse doch zugeben, daß das Verhalten dieser Männer objektiv falsch wäre. Menschlich verständlich, war er fassungslos, daß ich das ernstlich abstritt, und er lehnte die Fortsetzung des Gedankenaustauschs vehement ab, solange wir uns nicht einmal auf die Existenz solcher „objektiven Grundwerte“ und damit auf objektiv existierende Grundrechte einigen könnten, die unabhängig von subjektiven Präferenzen einer Kultur gelten müßten. Ich könne doch nicht meinen, diese seine Moralvorstellungen seien nicht objektiv für alle Menschen gültig!

Wie gesagt, ein hochemotionales Beispiel, weil man dabei die Gültigkeit menschlicher Gefühle hinterfragen muß und dem Hinterfragenden sehr schnell Zynismus und Menschenverachtung unterstellt werden. Nichtsdestotrotz müssen menschliche Gefühle eben außen vor bleiben, wenn es tatsächlich um menschenmögliche Objektivität geht.

Erlebte Gefühle sind objektiv wahr, ganz ohne Zweifel. Aber daraus ein Richtig oder Falsch abzuleiten, wäre Bewertung, also subjektiv.

Objektivität ist an menschliche Wahrnehmung gekoppelt. Wahrnehmung an sich unterliegt den Naturgesetzen und erfolgt wertungsfrei, aber kulturell und individuell vordefiniert. Ausgelöst von der Wahrnehmung, reagiert der Wahrnehmende mit einer kulturell vordefinierten Bewertung des Wahrgenommenen und einer entsprechenden Handlung. Bewertung findet rein subjektiv nach ausschließlicher Maßgabe des Willens des Bewertenden statt.

Objektiv läßt sich das genannte Szenario wie folgt beschreiben: Der Mann liebt seine Frau und will, daß es ihr gut geht. Er will einen schönen Urlaub mit ihr verbringen. Vergewaltigung betrachtet er (auf Grund seiner kulturellen Prägung) generell als Unrecht. Die fremden Männer lieben seine Frau nicht, ihr Wohlergehen ist ihnen gleichgültig. Unverschleierte Frauen sind (auf  Grund ihrer kulturellen Prägung) für sie rechtloses Freiwild. Die Vergewaltigung einer solchen Frau betrachten sie als selbstverständlich und richtig. Die Frau des Urlaubers ist nicht verschleiert. Die fremden Männer wollen diese Frau in Besitz nehmen. Sie sind in der Überzahl und daher potentiell kräftemäßig überlegen.

Das Wollen des einzelnen Mannes und seiner Frau steht dem Wollen der Gruppe fremder Männer entgegen. Das in dieser Situation absolut geltende und aus menschlicher Sicht objektiv wirkende Naturgesetz lautet: Die größere Kraft überwindet die kleinere Kraft. Wer mit größerer Kraft in die Richtung seines Willens wirkt, der überwindet die nicht in Richtung seines Willens wirkende kleinere Kraft und lenkt das Geschehen damit in die Richtung seines Willens. Das können sowohl der einzelne Mann und seine Frau sein als auch die Gruppe fremder Männer. Meistens wird die Männergruppe die größere Kraft darstellen, aber nicht in jedem Fall.

Was dieses Szenario, tatsächlich geschehend oder auch nur vorgestellt, in dem vermutlich unterliegenden Mann auslöst, steht auf einem ganz anderen Blatt, das als kulturunabhängig objektiven Bestandteil nur die vom Mann erlebte Wahrnehmung seiner Emotionen hat. Alles andere, Fragen nach Richtig oder Falsch, Recht oder Unrecht, Schuld oder Unschuld etc., sind subjektiv bewertende Interpretationen, die allerdings innerhalb ihrer kulturellen Prämissen objektiv wahr sein können.

Als objektiv für alle Menschen geltende Wahrheit haben in dem beschriebenen Szenario zwei Kräfte in Richtung ihrer Interessen gewirkt, und eine der beiden Kräfte unterlag der anderen, weil sie weniger stark war. Innerhalb der Prämissen einer bestimmten Kultur ergeben sich daraus mit jeweils objektiver Logik weitere objektive Wahrheiten, die aber von Kultur zu Kultur gegensätzlichen Inhalts und nichtsdestotrotz gleichzeitig objektiv wahr sein können, wenn man ihre Prämissen berücksichtigt, die subjektive Präferenzen der Kultur darstellen. Das macht ja gerade die Relativität von objektiver Wahrheit aus.

So schwer das angesichts menschlicher Emotionen zu verknusen ist.

Fazit:
Alles, was wir für die Durchsetzung unserer Moralvorstellungen tun können, besteht darin, die gesamte uns zur Verfügung stehende Willenskraft dafür einzusetzen, daß die naturgesetzliche Wirkung unserer Moralvorstellungen größer wird. Lessings Ringparabel läßt schön grüßen …

P.S.: Und all das hier Erwogene und Geschriebene ist meiner Auffassung nach objektiv logisch ermittelte objektive Wahrheit – innerhalb meiner Prämissen. Zielsetzung war die größtmögliche Reduzierung von willkürlich angenommenen Vorgängen auf naturgesetzliche und damit objektiv wahre Aussagen. Inwieweit mir das gelungen ist, kann kein Mensch allgemeingültig entscheiden. Ich denke aber, es ist trotzdem davon auszugehen, daß meine Betrachtungen keine Naturgesetze sind und als menschliche Erwägungen letzten Endes immer subjektiv bleiben müssen.

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