Über Sprache, Familie und Eigentum

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Die australischen Ureinwohner kennen in ihrer traditionellen (nach neuesten Erkenntnissen bis zu 150.000 Jahre ununterbrochen zurückreichenden) Kultur das Konzept des persönlichen Eigentums überhaupt nicht, schon gar nicht, was Land betrifft. Ihrem Verständnis nach besitzt das Land die Menschen, die auf ihm leben, nicht die Menschen das Land, auf dem sie leben. Die Menschen sind untrennbarer Bestandteil des Landes, das sie als körperliche Wesen hervorbringt, ernährt und wieder aufnimmt, wie Gewässer, Steine, Pflanzen und Tiere. Sie nehmen sich nicht als getrennt von der Welt wahr, sondern als Teil der Welt. Sie kooperieren mit der Welt anstatt sie einfach nur für ihre Zwecke zu benutzen. Ihr Land definiert ihre Identität mehr als ihre Sprache und ihre Sippe. Sie haben eine hochkomplexe Sozialstruktur, bedingt durch ihr (aus unserer Sicht) kompliziertes Verständnis von Verwandtschaft, und von ihren Vorstellungen (oder soll ich sagen: Einsichten?) zum Thema Raum und Zeit hätten Quantenphysiker schon lange einiges lernen können.

Da ich mich gerade mit der Frage beschäftige, seit wann Menschen es überhaupt für möglich halten, Menschen zu besitzen, bin ich auf die Ursprünge der „Zivilisation“ und die Frage nach vorzivilisatorischer Weltsicht zurückgeworfen worden und habe interessante Zusammenhänge gefunden, die wahrscheinlich längst andere vor mir schon gründlichst untersucht und analysiert haben. Auch ein sehr tiefschürfender Beitrag im Gelben Forum hat mir da auf die Sprünge geholfen:

„Mit vielen Worten und Zahlen, denkend, redend, schreibend, rechnend, bilanzierend haben wir die Welt seziert, analysiert, zergliedert, auseinander genommen, zerlegt, vermessen und nicht zuletzt unsere Potentia und das Machbare ausgelotet. […] In dem Spannungsfeld der Subjekt- Objektspaltung macht sich also der Mensch, der der Einheit mit der Natur zunehmend entrückt, Kraft seiner schöpferischen Gewalt ans Werk, um die von ihm gewünschten Verhältnisse – das Sollen – zu erzwingen und die Einzelteile in seinem Sinne, mit seinem „Ich“, wieder zu einem Ganzen zu fügen.“

Für mich sind das alles neue, erstaunliche Erkenntnisse. Erst gliedert der Mensch die Welt in Einzelteile auf, beansprucht diese für seine Zwecke und versucht dann, sie seinen Wünschen gemäß neu zusammenzusetzen, zugestalten, zu kontrollieren und zu „verwerten“.

Erst wird bewertet, dann wird verwertet … Merke: Sobald jemand oder etwas einen Wert beigemessen bekommt, wird er, sie oder es zum Objekt degradiert (Stichwort Humankapital). Subjekte dagegen entziehen sich einer Bewertung, denn sie bewerten selbst, sie können als Maßstab nicht gleichzeitig Meßgegenstand sein.

Mit der Entwicklung von Seßhaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht entstand offenbar erstmals die Vorstellung von Eigentum, denn man konnte bei der neuen Lebensweise nicht mehr einfach woandershin ausweichen, nachdem man seßhaft geworden war und an Ort und Stelle langfristig planend Zeit und Mühe „investiert“ hatte. Man griff gezielt in die Welt ein, gestaltete das von Natur aus Vorhandene um, baute dauerhaftere Unterkünfte für Mensch und Tier, legte Felder, Gärten, Wege und Vorratsräume an. Man jagte und sammelte nicht mehr nur nach Bedarf, was man brauchte, sondern man mußte sich, was man brauchte, nun vergleichsweise schwer erarbeiten.

Andauernde, systematische, gleichförmige Arbeit und daraus folgend Arbeitsteilung und Spezialisierung wurden notwendig, und verfügbare Arbeitskraft wurde zu einem hochgeschätzten, weil überleben- und machtsichernden Wert. Ob nun Vieh oder Menschen die nötige Arbeit verrichteten, war vermutlich lediglich eine Frage der jeweils benötigten Kraft und Fähigkeit und der Verfügbarkeit. Als wirtschaftliche Funktionseinheit waren Mensch und Tier gleichermaßen Objekt geworden, das mit seinem Dasein einen Zweck zu erfüllen hatte und deswegen funktionstüchtig erhalten werden mußte, bis der Zweck erfüllt war oder nicht mehr erfüllt werden konnte.

Bei der Verteidigung und Ausdehnung von Eigentum gab es zudem meist Sieger und Besiegte. Wie man sich Land, Pflanzen und Tiere ganz selbstverständlich aneignete und sich gefügig machte, eignete man sich ganz selbstverständlich auch andere Menschen an und machte sie sich gefügig. Das ist nur allzu logisch, wenn man Menschen als integralen Bestandteil des immer mehr zum besitz-, bewert- und benutzbaren Objekt degradierten Landes betrachtete. Wenn man Erde, Tiere und Pflanzen bewirtschaften kann, dann kann man auch Menschen bewirtschaften.

Nehmen wir also an, daß mit dem Konzept des Eigentums an der Welt auch stehenden Fußes das Konzept des Eigentums an Menschen einherging.

Was jetzt aber wirklich interessant ist: Mit zunehmender Komplexität der Vorstellungen von Eigentum an der Umwelt und ihren Bestandteilen verloren offenbar nicht nur die Sprachen immer mehr an struktureller Komplexität, sondern auch die Familienbeziehungen!

Englisch ist in seinen Grundstrukturen im Laufe der vergangenen Jahrhunderte zu so ziemlich der unkompliziertesten, weil strukturreduziertesten indogermanischen Sprache geworden (z.B. fast gar keine Deklination und nur wenig Konjugationsmöglichkeiten, im Gegensatz z.B. zu Polnisch mit sieben Deklinationsfällen und sehr vielfältiger Konjugation). Im Gegenzug hat die von der englischen Sprache dominierte Kultur die kompliziertesten Eigentumsformen der Welt hervorgebracht, soweit ich weiß. Auch die Familienstrukturen der westlichen Welt werden immer weiter vereinfacht – über die biologische „Kernfamilie“ bis hinab zum (in seinem Ursprung englischen) neoliberalen Ideal des völlig bindungslosen, beliebig lenkbaren Individuums als besitz- und nutzbares Kapital und steuerbare Marktkraft.

Die australischen Ureinwohner haben dagegen z.B. in völliger Abwesenheit von Eigentumskonzepten eine hochkomplexe Sprachstruktur, die ihre noch komplizierteren Verwandschaftsstrukturen wiederspiegelt.

Formulieren wir ganz deutlich, was sich da abzeichnet:
Je komplexer (reicher) die strukturellen Vorstellungen von Eigentum, desto reduzierter (ärmer) die strukturellen Vorstellungen von Familie und desto reduzierter (ärmer) die strukturelle Ausprägung der menschlichen Sprache.

Noch deutlicher formuliert:
Je weniger die Menschen mit Eigentumsgedanken leben, desto komplexer sind ihre sozialen Beziehungen untereinander. Je konsequenter die Menschen sich aus der Natur herausnehmen und die Welt als Eigentum behandeln, desto mehr verkümmern ihre sozialen Beziehungen untereinander, was sich in der Sprache widerspiegelt.

Und ganz krass formuliert:
Eigentum ist der Anfang vom Ende des Menschseins.

Die Humanisten haben nun den Fehler gemacht, jeden einzelnen Menschen zum Subjekt zu erklären – ohne der Natur dasselbe zuzugestehen. Die Welt bleibt auch bei den Humanisten Objekt und damit Eigentumsgegenstand. Damit muß zwangsläufig die Forderung nach Subjektrang für den Menschen gegenstandslos bleiben. Man kann dem Fisch zwar das Recht garantieren, an Land zu leben, aber er kann es nicht nutzen. Und der Mensch als Bestandteil der Welt kann nicht als Subjekt leben, wenn die Welt nicht ebenfalls Subjekt ist. (Es hat schon seinen Sinn, warum auch der Humanismus nur ein -ismus und damit eine pervertierte, wenn auch in ihrer Intention nicht falsche Idee ist.)

Solange der Mensch die Welt als Eigentumsgegenstand betrachtet, bleibt auch der Mensch Eigentumsgegenstand.

P.S.: Der größte Witz an der Sache ist ja, daß der Mensch seine theoretische und praktische Herauslösung aus der Welt, die ihm das Leben ermöglicht, tatsächlich als Fortschritt und positiv zu betrachtende Weiterentwicklung ansieht, als „Hochkultur“ gar. Dabei hat er im Laufe seiner kulturellen Entwicklung nicht in erster Linie Wissen erlangt, sondern ganz im Gegenteil immer mehr wichtiges Wissen verloren. Er hat sich aus dem „Urzustand“ nicht weiter-, sondern zurückentwickelt. Er muß Hochkultur erst wieder erlangen. Im Moment ist der Mensch mehr Barbar als der unkultivierteste Neanderthaler es gewesen sein kann …

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  1. Dein Blog ist wirklich sehr erhellend und entwickelt sich thematisch wunderbar weiter. Ich lese gerne hier, auch wenn ich nicht ständig meinen Senf dazugeben muss…

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