Menschen sind keine Ratten

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John B. Calhoun hat sein Leben als Wissenschaftler damit verbracht, Paradiese für Ratten bzw. Mäuse zu bauen und diese im Laufe der Jahrzehnte so zu optimieren, daß sie sich weniger schnell in Höllen verwandeln. Denn das scheint der natürliche und unausweichliche Gang der Dinge zu sein, wenn gemeinschaftlich lebende Tiere sich bei anstrengungslos gesicherter Versorgung auf begrenztem Raum unkontrolliert vermehren. Viele der Verhaltensweisen dieser Nager unter den beschriebenen Bedingungen treffen auf die Verhaltensweisen der immer mehr verstädternden und damit immer naturferner lebenden Menschen zu. Die Symptome sind erschreckend identisch:

  • weit mehr Individuen als sinnvolle Aufgaben im Sozialgefüge (= „Arbeitslose“)
  • männliche Individuen geben es angsichts der unüberschaubaren Zahl von Konkurrenten auf, ein eigenes Territorium zu verteidigen, stattdessen schließen sie sich zu Gangs zusammen, randalieren und drangsalieren Schwächere (= stetig steigende Kriminalität)
  • Opfer solcher Angriffe werden selbst aggressiv
  • normale Formen sozialer Auseinandersetzung innerhalb der Gemeinschaft verkümmern, die Individuen werden zunehmen unfähig, feste soziale Beziehungen einzugehen und zu pflegen (= z.B. „Privatisierung“ sozialer Aufgaben und Funktionen, Streitaustragung per Anwalt, Zersplitterung der Familienverbände)
  • die Verlierer der Gesellschaft rotten sich im Zentrum des Paradieses zusammen, wo sie weitgehend teilnahmslos vor sich hindämmern, unterbrochen von zielloser Gewalteskalation (= sozialer Wohnungsbau, Ghettobildung, Tottenham Riots, Pariser „Jugendkrawalle“)
  • schutzlos gewordene weibliche Individuen gehen auf ihren Nachwuchs los (= Kindesmißhandlungen)
  • sinkende Geburtenzahlen, Nachwuchsvernachlässigung
  • Vereinzelung männlicher und weiblicher Individuen, die kein großes Interesse an festen sozialen Kontakten zeigen und hautsächlich mit sich selbst beschäftigt sind (= „Single-Lifestyle“)
  • erst sexuelle Hyperaktivität, dann zunehmend sexuelle Inaktivität, schließlich gegen null tendierende Nachwuchszahlen
  • Kannibalismus, extreme Brutalität, Mord und Totschlag –> dysfunktionale Gesellschaft
  • die in Überfluß aufgewachsenen und daran gewöhnten Individuen sind komplett unfähig geworden, sich ihrer Art gemäß zu verhalten und harmonisch miteinander zu leben
  • Absterben der gesamten Population

Soweit die Beobachtungen von Herrn Calhoun. Viele haben daraus geschlußfolgert, daß es uns Menschen genauso ergehen wird, zumindest allen, die sich mit westlicher Zivilisation angesteckt haben.

Das sehe ich nicht so.

Ja, die Erde ist ein begrenzter Raum wie die Calhounschen Mäuse-Universen. Ja, die Menschen haben sich seit Jahrhunderten zunehmend unkontrolliert vermehrt – nicht zuletzt dank der aufopfernden Bemühungen der Vertreter monotheistischer Religionen, die möglichst viele lenkbare Menschen (Seelen) ihr eigen nennen wollen.

Nein, Menschen sind nicht mit Ratten gleichzusetzen. Menschen können ihr Handeln planen, ihre Triebe bewußt kontrollieren und extrem koordiniert gemeinsam handeln. Ratten können das alles nicht.

Primitive Gesellschaften sind Überflußgesellschaften auf (aus zivilisatorischer Sicht) niedrigem Niveau, aber außerordentlich angepaßt an die Lebensbedingungen in der Umwelt, in dem sie leben. Sie halten die Zahl der Geburten gezielt begrenzt, ihre Jugend unter Kontrolle und ihr Leben weitgehend streßfrei.

Erst wenn der Mensch sich entfernt von seiner „primitiven“ Art und Weise, auf der Erde, von ihr und im Gleichgewicht mit ihr zu leben, also  „zivilisiert“ wird und „gegen“ die Erde zu leben beginnt, indem er sie und andere Menschen „sich untertan zu machen“ versucht, erst dann beginnt auch die schier unaufhaltsame Entwicklung, die Calhoun bei seinen Wohlstandsmäusen und Ratten beobachtet hat. Sobald hemmungslose Vermehrung einsetzt, ist der Untergang der Gesellschaft vorprogrammiert. Wenn Kinder sinnlos werden, weil niemand sie mehr braucht, weil das Interesse am gemeinsamen Leben als Gesellschaft vom permanenten Wohlstand zerstört wird, dann werden auch keine Kinder mehr geboren.

Das Paradies macht krank und asozial.

Insofern macht es auch Sinn, was die Weltuntergangsprediger sagen: Überleben werden den gesellschaftlichen Zusammenbruch am ehesten die, die noch wissen, wie sie sich aus eigener Kraft und in menschlicher Gemeinschaft respektvoll und bescheiden von der Erde ernähren können, aus der ihre Körper gemacht sind, und auch tatsächlich so leben. Und die auch keine Scheu haben, sich die anderen, die nur zu nehmen und zu beanspruchen gewöhnt sind und sich das auch nicht abgewöhnen können und wollen, vom Leibe zu halten.
Menschen können bewußt handeln. Ihre Willenskraft ist ihre Chance. Die haben sie Ratten und Mäusen glücklicherweise voraus.

Danke an offthspc im Gelben Forum für den Gedankenanstoß.

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  1. Für mich sind die wahren Menschen diejenigen, die als primitive Ureinwohner eingestuft werden.

    Alle Anderen, mich einschließlich, sind gen- und gehirnmanipulierte Idioten. Was die einen Idioten von den anderen Idioten unterscheidet, ist, daß die einen Idioten, mich einschließlich, versuchen, sich an den eigenen Wurzeln (noch weiter zurück als das Kulturelle) zurückzuerinnern und zurückzubringen versuchen. Uns aber vorerst nicht vom Status Idiot lossprechen können, da wir durch unser Sein bei den „Zivilisierten“ weiter dazu beitragen, Mutter Erde zu berauben.

    Oben schrieb ich genmanipuliert (gehirnmanipuliert kam hinzu) und das meine ich so, da ich überzeugt bin, daß vor zigtausend Jahren eine Spezies auf Mutter Erde losgelassen wurde, die mit Ureinwohner nicht mehr viel gemein hatte. Betrachten ich die Welt vor meinem geistigen Auge von vor , schreibe mal, einhunderttausend Jahren, in der Flora und Fauna im Einklang lebten, was passierte zwischenzeitlich? Das die Natur so ein Krebsgeschwür erzeugt, kann ich mir nicht vorstellen.

    So gesehen, sind die „Zivilisierten“ stuflich unter die Ratten anzusiedeln, da sie künstlich sind.

  2. Das deckt sich mit dem, was ich in London gehört habe: Der neuzeitliche Mensch war ursprünglich ein genmanipulierter Menschenaffe, der den Manipulierern die Schwerarbeit in irdischen Erzminen abnehmen sollte. Ich habe mit dieser Sichtweise noch Berührungsängste. Aber die Tatsache, daß in allen primitiven Kulturen „magische“ Fähigkeiten Allgemeingut waren bzw. sind und die Idee der Herrschaft von Menschen über die Erde und ihre Geschöpfe als völlig fremd und abstrus betrachtet wird, macht mich schon nachdenklich. Herrschenwollen ist kein menschliches Bestreben, will mir scheinen.

  3. Und wieder ein tolles Thema und habe mich deshalb entschlossen, mich mit den indigenen Ureinwohnern auf Erden zu beschäftigen. Bin gespannt, was ich an Wissenswertem eruieren kann.

    Ich habe das Gefühl, daß vor langer, langer Zeit, diese Völker „übersehen“ wurden. Dabei wird mein Augenmerk auf Australien und Nordamerika liegen.

    Und wer kann ausschließen, daß Mutter Erde nicht schon vor einer Milliarde von Jahren drangsaliert wurde? Das Zeitfenster, in denen wir normalerweise rechnen, ist doch nicht einmal ein Wimpernschlag.

    Und zum Schluß noch 🙂 Das ist das Schöne am Minimalismus, es bleibt immer Zeit für ganz tolle Beschäftigungen.

  4. Die Weiten Rußlands nicht vergessen. Die alten Slawen und die Völker um und hinterm Ural haben in der Hinsicht auch jede Menge zu bieten. Wir reden dabei natürlich nicht von den Kiewer Rus.

  5. Wir könnten einen Arbeitskreis aufmachen 🙂 Wichtig für mich ist, wie weit ist es mir möglich in die Vergangenheit zu schauen? Wenn man bedenkt, wieviele Schriften, Steintafeln, Zeichnungen vernichtet wurden, nur damit eben dieses verhindert wird, dann dreht sich mir doch schon der Magen um. Welche Quellen gibt es überhaupt? Dabei möchte ich auf die Quellen von Forschern zurückgreifen, die am meisten angefeindet werden und werde zuerst mit den indigenen Ureinwohnern Australiens anfangen.

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