Es blutet mir schon ein wenig das Herz …

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… wenn ich sehe, mit welcher Kraft anderswo in jungen Menschen die vielhundertjährige Identität ihres Volkes fortlebt. Man muß zwar zugeben, daß wir im deutschen Flachland ohnehin keine typische Solotanz-Tradition und schon gar keine Kampftanztradition entwickelt haben wie sie z.B. die Ukrainer sich mit dem Hopak und die Kaukasusstämme mit der Lesginka bewahrt haben. Am ehesten kommt da vielleicht noch der bayrische Schuhplattler in Frage. Aber muß man wirklich ein kleines, zänkisches Bergvolk sein, um seine Kultur zu bewahren? Den Türken in D scheinen ihre Reigentänze auch nicht mehr besonders heiß im Blut zu liegen.

Ich meine, das hier sind Profis. Aber das hier sind normale Hochzeitsgäste. Junge Leute, z.T. noch Milchbärte, und die können das. Und warum? Na, die lernen das dort in Tanzschulen. Bei uns kann kaum noch ein junges Paar Walzer tanzen, geschweige denn Polka oder Mazurka – vom Rheinländer ganz zu schweigen. Die allseits beliebte Annemarie-Polka hat nicht einmal mehr einen Polkaschritt-Teil … Überhaupt sieht man am Beispiel Annemarie-Polka sehr schön auch die kulturelle Vergreisung hierzulande. Vor den beiden Weltkriegen sahen die Tänze hier in der Region, die jeder kannte und liebte, ungefähr so aus. Man stelle sich vor, ein Pärchen aus der Gästeliste zieht spontan etwas so Schönes ab, weil sie es können und weil es zum Profil ihrer Identität gehört. Kein Wunder, daß junge, kraftstrotzende, krieg- und volkstanzgestählte Einwanderer unseren drögen Flachlandladen hier übernehmen wollen …

Ja, das ist mehr scherzhaft gemeint. Aber bittere Ironie ist schon auch dabei. 😦

Nachtrag: Na gut, die richtig fetzigen Jungs in den Videos sind zwar in Zivil, aber wohl doch Profis. Die üben das richtig und treten damit auf und geben Unterricht. Ensemble Amanat.

Nichtsdestotrotz gibt es auch noch andere solcher Ensembles, deren Anzahl  insgesamt im Verhältnis zur Bevölkerungsdichte ebenfalls beeindruckend ist. Ich meine, das sind da drüben im Kaukasus nur ein paar Millionen Leutchen, zu einzelnen Volksgruppen/Stämmen gehören gerade ein paar Zehn- oder Hunderttausend. Und die haben keine Probleme, ihren Nachwuchs zum Lesginkalernen zu animieren. Es ist halt echt cool, das zu können. Bei uns ist verhaltenes Powackeln cool. Einfacher Disco-Foxtrott ist vielen schon zu kompliziert …

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  1. 1. sehr amüsant, aber dieser Teiöl von Kultur ist wohl gestorben in mir, den wird man auch nicht wiederbeleben können, ich krieg Gefühle von Fremdschämen wenn ich die Tanzen sehe.

    2. Aber ich habe ca 3 Jahre mit türkischen Kurden im Musikstudio zusammengearbeitet, und das hatte schon Feuer, zB. Nilüfer Akbal…die ticken ganz anders, da steckt viel Tradition noch in denen, auch wenn die nur noch das Istanbul-Leben gewohnt sind.
    Wenn ich das mit meiner anderen Heimath Sizilien vergleiche, da würd ich sagen haben diese im Vergleich zu den Kurden ein Kulturleben vergleichbar mit der Annemarie Polka im Rheinland. Aber Italien hat ja auch stark durch die Gleichschaltung gelitten und es wurde seit 1848 viel Tradition zerstört.

    3. ehrlich gesagt hab ich auch nicht so viel gegen kulturelle Gleichschaltung, das hat einiges positives…aber natürlich wird diese Gleichschaltung ja misbraucht um wirtschaftliche und politische Ziele durchzusetzen, also nicht wirklich um des Menschen Wohlsein.

  2. Ihr braucht nur die Volksfeste auf den Käffern der Regionen abklappern. Da gibt es noch genug von unserer Kultur. Vom Ritterfest bis zum Schützenfest usw..
    Das andere ist Mode. mehr nicht.
    Die Trachten gibt es seid Jahrhunderten und so manches Dirndl wird heute wieder Top Modern.
    Wer allerdings in den Großstädten dieses Landes alte Kultur erwartet ,der weiß eben nicht was Kultur ist. Oder er kann es nicht von anderen Sachen unterscheiden.

  3. Entschuldige, aber ich lebe auf dem Land, und meine gesamte Familie stammt vom Land. Und mein Thema in diesem Blogeintrag war ausdrücklich Tanztradition als Teil der Volkskultur, nicht Tracht.

    Was Trachten anbelangt, spricht es nicht gerade von Sachkenntnis deinerseits, Dirndlmode mit Tracht gleichzusetzen. Die bäuerlichen Trachten in D sind tot, mit der Industrialisierung der Gesellschaft und der Entwurzelung der Menschen in der Nachkriegszeit ausgestorben. Bayern und Österreich haben ihre Trachten in den 1930ern gezielt reformiert und modernisiert und damit mehr oder weniger über die Zeiten gerettet. In meiner Region gibt es nur noch erstarrte Erinnerung und getragene Kulturdenkmale. Die letzten überlieferten Originalstücke meiner Region verbrannten im Bombenhagel. Der jämmerliche Rest ist verteilt auf Museumsarchiv und Heimatstube. Die letzten alten Frauen, die noch tatsächlich etwas tragen, was man Tracht nennen könnte, sind Sorbinnen und sterben rasant aus. Ich beschäftige mich seit 25 Jahren mit Trachtenforschung. Ich weiß ein bißchen, wovon ich rede.

    Wenn ich Alt-Berliner Tänze als Beispiel für die früher hier auf dem Land bekannten Tänze verlinkt habe, dann in dem Wissen, daß die damaligen Berliner Tänze nicht unwesentlich von den märkischen Tänzen geprägt waren und andersherum. Oder war da irgendein reiner Modetanz dabei, der nicht in der Volkskultur verankert ist – Charleston oder so? Und im Gegensatz zu den märkischen Tänzen sind die Alt-Berliner Tänze aus Imagegründen für den Tourismus noch überliefert und man kann sich anschauen, wie es ungefähr aussah, wenn sie mit Begeisterung und Spaß getanzt wurden. Für Brandenburg existieren im Grunde nur noch alte Bilder und ein paar Volkstanzvereine mit Altersdurchschnitt bei ungefähr 65 (spärliche Ausnahmen bei den Sorben). Der Rest ist mehr oder weniger Annemarie-Polka und Eins-Zwei-Tip. Ausnahmen bestätigen die Regel. Das beobachte ich bewußt seit den 1970er und 1980er Jahren, als wir diverse Bauernhochzeiten und runde Jubiläen in der Familie zu absolvieren hatten. Getanzt wurde, aber Polka (im Polkaschritt) war nie dabei. Von den anderen Volkstänzen ganz zu schweigen. Polka habe ich mir selbst beigebracht und das erste Mal mit einem Bayern in Minnesota getanzt. Es war ein phantastisches Gefühl.

    Es ist nicht alles Tracht, was das Volk trägt, und nicht alles Volkstanz, was das Volk tanzt. Dreh- und Angelpunkt ist immer die Identität, welche Abgrenzung von anderen voraussetzt.

  4. Das Dirndl gehört zur Bayrischen Kultur genau wie so manche Schürze aus diversen Landkreisen, genauso wie die Bälle auf dem Hut der Frauen aus dem Schwarzwald.

    Und nur weil einige Trachten heute im Museum hängen ,oder Tänze heute nicht mehr getanzt werden, heißt das nicht das eine Renaissance unmöglich ist.

  5. Hast du gelesen, was ich geschrieben habe? Bayern und Österreich haben ihre Trachten vor 70-80 Jahren modernisiert, dadurch sind sie heute noch als Trachtenmode da. Die Literatur dazu habe ich um 1990 durchgeforstet und mir zu Herzen genommen.

    Und ich schrieb nirgends, eine Renaissance sei unmöglich. Ich schrieb, die bäuerliche Tracht ist tot. Früher arbeiteten 80-90% der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Heute keine 2% mehr. Mehr braucht man eigentlich zur heutigen bäuerlichen Tracht nicht mehr zu sagen. In den Städten wird ohnehin spätestens seit der Renaissance nur noch Mode getragen.

    Bayern ist nicht Deutschland. Ich dachte mir schon, daß du mit den Sprüchen aus der Ecke da kommen mußt.
    Was ich zur Situation in Brandenburg schrieb, darfst du ruhig ernstnehmen. Hier ist bis auf vereinzelte Museumsstücke, spärliche Literatur und noch spärlichere Abbildungen und wenige, krampfhafte Konservierungsversuche alles weggebombt und wegideologisiert. Tracht gehört hier schon lange nicht mehr zum regionalen Identitätsprofil, und traditioneller Volkstanz auch nicht. Die wenigen, die es interessiert, die sind entweder Rentner oder gehen zu den Jungen Nationalen und ziehen dort mangels bekannter Trachtenüberlieferung ersatzweise Zimmermannshosen an.
    Bei den Sorben wird das Trachtenbewußtsein auch immer weniger, genau wie ihre Anzahl. Sorben – schon mal von gehört da unten? 😉

    Die Renaissance steht an. Klar. Aber halt mir keine Vorträge, wie warm die Asche angeblich noch ist, aus der Phönix sich rausquälen muß. Ich sitze mittendrin.

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