Sprache und Nichtdinglichkeit

Standard

Hans-Peter Dürr: „Am Anfang gibt es nur Verbundenheit, und nichts, was verbunden ist.“ Auf die Frage, was denn nun die Welt im Innersten zusammenhält, antwortet er: „Es existiert eigentlich überhaupt nichts.“ ^^

Form ist mitnichten eine bestimmte Anordnung von Materie. Wir tun nur so, als ob, weil man uns das in der Schule so beigebracht hat (–> Aufbau des Atoms).

Alles, was wir als existent wahrnehmen, ist im Grunde nur eine Art „Fußabdruck“ von etwas, das wir mit dem uns zur Verfügung stehenden sprachlichen Vokabular nicht ausdrücken können. Realität kommt von lateinisch res = Ding. Realität ist also dingliche Wirklichkeit. Es gibt aber laut den Erkenntnissen der Quantenphysik keine Dinge. Also gibt es auch keine Realität. ^^

Die Wirklichkeit der Welt ist reines Potential, das mal diesen, mal jenen Abdruck erzeugt (manifestiert), den wir dann mit unseren Sinnen und Geräten wahrnehmen können. Das ist wie mit dem Denken, vergleicht Dürr. Bevor wir einen konkreten Gedanken formulieren (dazu ist Sprache unabdingbar!), ist die Ahnung, das außersprachliche Wissen da. Die Ahnung hat immer das Potential, in konkrete Gedanken formuliert zu werden. Sobald aber ein konkreter Gedanke da ist, ist die Ahnung mit all ihrem Potential für andere konkrete Gedanken erstmal weg. Dürr vergleicht das mit dem Fußabdruck, den der Mensch hinterläßt. Sobald der Fußabdruck zu sehen ist, ist der Mensch nicht mehr an dieser Stelle vorhanden. Der Fußabdruck ist nicht der Mensch, sondern der Mensch hat den Fußabdruck erzeugt. In dem Sand da könnte auch was anderes entstehen. Aber solange da der Fußabdruck ist, sind alle anderen Möglichkeiten, sich im Sand abzubilden, ausgeschlossen. „Ein Massenmord an anderen Möglichkeiten der Manifestation.“ 😀

Die herkömmliche Sicht ist, daß die Lebendigkeit (=der Geist) quasi in die Materie eingefüllt ist. Dürrs Sicht ist, daß die Materie nur ein Abdruck der Lebendigkeit (=des Geistes) ist. Und weder das Wort Lebendigkeit noch das Wort Geist werden dem, was sich in der Lebendigkeit ausdrückt, gerecht. Unsere Sprache ist dinglich orientiert und kann daher Nichtdingliches nur abstrahiert und damit stets unvollständig, inadäquat abbilden.

„Weil wir lebendig sind, haben wir einen doppelten Zugang zur Wirklichkeit.“ Den groben, dinglichen Zugang mit dem äußeren Blick auf die Welt, in welcher die „alte Physik“ gilt („Verstand“), und das lebendige, innere Erfahren der Welt, in welcher die „alte Physik“ eben nicht gilt („Gefühl“).

„Mathematik hat den Nachteil, daß sie zu präzise ist“, um die Welt abzubilden. Genau dasselbe gilt für die Sprache, die aus ungezählten, konkreten und mit einer bestimmten Bezeichnung versehenen Konzepten besteht, die zu einander in Beziehung gesetzt werden. Jedes Konzept ist eine Abgrenzung zu anderen Konzepten. Die Beziehungen werden willkürlich betrachtet und alle anderen Beziehungen ignoriert. Jedes Konzept und jede Beziehung ist aber immer nur ein Ausschnitt, der beim Ausschneiden aus dem großen Ganzen herausgetrennt wird, wo dieser Ausschnitt nicht ausgeschnitten war, sondern mit allem anderen in unendlich vielen Beziehungen stand und daher in seinem Sein vollständig war.

Herrlich: „Materie ist die Schlacke des Geistes [=der Lebendigkeit]. Das ist das, was aus dem Geist gerinnt, und da gucke ich hin, weil das immer da ist, und deswegen denke ich, das ist das Wichtigste. Aber die Schlacke ist nicht das, was die Evolution bewirkt, sondern sie ist nur Ausdruck der stattfindenden Evolution.“

Materie ist also der Fußabruck der Lebendigkeit, die Schlacke der frei fließenden Energie.

„Veränderung ist nicht die Bewegung von etwas Existierendem, sondern eine Einheit.“ Es gibt kein Vorher und kein Nachher. Vorher und Nachher darf man beim Denken nicht von einander trennen. Aber das geschieht schon allein durch die Wortwahl. Vorher und Nachher sind nur Anfang und Ende der Veränderung, die das tatsächlich Relevante ist, die tatsächliche Wirklichkeit. Vorher und Nachher sind dingliche Istzustände, die mit dem Leben nichts zu tun haben. Das, was zwischen ihnen geschieht, ist das Leben, die Wirklichkeit.

„Der Neocortex, auf den wir Menschen so stolz sind, weil er uns bewußte Wahrnehmung und bewußtes Denken ermöglicht, ist ganz ungegeeignet, um die Welt zu verstehen.“

„Die Gegenkraft ist nicht der Feind der Kraft.“ Was für ein Spruch. Danke, Hans-Peter Dürr. „Im Zusammenspiel ergibt sich ein Ganzes, das mehr ist als die Summe ihrer Teile.“ Alles schon mal gehört. Aber bezogen auf den Alltag immer wieder neu erhellend.

„Wir überschätzen die Dinge, weil sie tauschfähig sind.“

„Denke dir, was richtig wäre, und handle in diese Richtung.“

Ja, mach ich. Ich gehe jetzt weiter Bruchsteinmauer reparieren.

P.S.: Die Zitate sind nicht immer ganz genau wörtlich, aber mindestens sinngemäß.

Advertisements

»

  1. “Ein Massenmord an anderen Möglichkeiten der Manifestation.” Der Satz hat mich an ein Gedicht von Rilke erinnert.

    Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

    Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
    Sie sprechen alles so deutlich aus:
    Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
    und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

    Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
    sie wissen alles, was wird und war;
    kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
    ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

    Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
    Die Dinge singen hör ich so gern.
    Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
    Ihr bringt mir alle die Dinge um.

    Rainer Maria Rilke

  2. Kannte ich nicht. Herzlichen Dank dafür. Worte für etwas finden, bedeutet, es sich anzueignen, sich untertan zu machen. Die Welt ist viel wunderbarer, wenn man nicht benennt, was einem darin widerfährt. Andererseits ist Furchtbares, das man erlebt, noch viel furchtbarer, solange man es nicht in Worte bannt und aus sich herausschickt …

  3. lol Super small talk 😉
    Sowas macht man sonst gewöhnlich über etliche Stunden unter LSD Einfluss 😉
    Warum ist grundsätzlich immer genauso wie Wieso an sich schon ne super Frage, deswegen wird es auch intensivst von Kinder genutzt, die wissen nämlich Bescheid, weil sie nicht Bescheid wissen 😉
    Aber bei Warum ist man früher oder später bei der Frage aller Frage: Warum sind wir hier (oder dort, je nachdem).
    Als einzelne Punkte auf der Kette der Abfolge, muss man immer die vorherigene Geschehnisse erkennen und im Kontext verstehen, und schwups landet man bei der Frage aller Fragen.
    Dies ist ja auch Grundproblem der heutigen Zeit, die komplette Sinnentleertheit die schnell ins Destruktive abgleitet. Wenn das Leben keinen Sinn hat, ist es ja eh alles sinnlos und in letzter Konsequenz seines Handelns scheiss egal….

    Da ist Woher schon die Meta Frage 😉
    Da kann ich nur sagen, nix ist wie es scheint…..
    Deswegen behaupte ich ja auch immerzu, dass die Wahrheit nicht mit dem Verstand zu erfassen ist, da er Grenzenlos nicht erfassen kann.
    Deine Antwort ist genauso super wie der Spruch „Massenmord an anderen Möglichkeiten“ 😉
    Ach, das (Leben) ist auf der einen Seite (Verstand) so ultra komplex und auf der anderen Seite (Sein) so einfach…..
    Vielleicht schreib ich doch irgendwann nochmal nen Buch, indem ich meine 25 Jahre als Psychonaut mal anderen mitteile, obwohl eh alles schon tausend Mal gesagt, geschrieben, verfilmt worden ist……
    Aber ich hab 25 Jahre so gut wie nix anderes gemacht und nach meinem (Ego/Verstand) Tod, gab es eh kein zurück mehr.
    Ich hätte nicht gedacht, dass es solange dauert, bis ich an einem Punkt angekommen bin, wo ich eigentlich keinerlei Fragen mehr habe, jedenfalls bzgl. der grundlegenden Fragen des Inneren.
    Und nachdem ich mich 4 Jahre ebenso intensiv mit dem Geldsystem und darauf aufbauenenden Themengebieten wie Geschichte, Politik, Wirtschaft und Ökonomie beschäftigt habe, ist beides zu einem absolut schlüssigen Modell geworden, wo ich noch irgend jemand anderer ein Punkt gefunden hat, wo die Kette nicht mehr absolut schlüssig und logisch ist.

    Aus diesem Grund hatte ich ja neulich geschrieben, dass es absolute Zeitverschwendung ist, irgendjemanden aufzuklären egal ob es ums Innere oder Äussere geht, denn des Menschen Wille ist sein Himmelsreich.
    Und wie hoffentlich jeder weiss, ist der Ursprung von „ich will“ und „ich möchte“ ein gänzlicher unterschiedlicher.

    Aber ich finde es absolut dufte, dass Du wodurch auch immer, an die Quantenphysik angeklopft hast, denn ohne diese Erkenntnisse denkt man weiterhin in der steinzeitlichen Newtonschen Welt, wo der olle Appel hat zu Boden fällt, anstatt vielleicht zur Seite zu weichen, oder vielleicht sogar beides gleichzeitig, wie das olle Licht 😉

    So, ich sach ma so jetzt: Juts Nächtle

  4. Nun ja, Worte definieren deine Realität und deine ist schon recht umfangreich, u.a. deswegen bin ich ja von Anbeginn hier und geblieben 😉
    Die Sprache ist wichtig, aber wie schonmal erwähnt, ungeeignet für zumindest meine heutige Zeit, da viel viel viel zu langsam und aufwendig 😉
    Deswegen nervt mich dieses Gross- und Kleingeschreibe auch masslos und bringt den Fluss immer und immer wieder ins stocken.
    In ein paar Generationen ist das alles aber hinfällig, denn es geht auch ohne die Luft in Schwingungen versetzen zu müssen.
    Ausserdem hast du recht, das Wahrhaftige, also ungefilterte Sein, lässt sich nur absolut stümperhaft mit Worten beschreiben, da merkt man ganz schnell, wie beschränkt unsere derzeitige Sprache und Form der Kommunikation eigentlich ist.
    Dies ist einer der wundervollen Dinge des Netzes, dass es erstmals für jeden alles zusammen bringt, bis auf den Geruch, aber das ist vielleicht auch ganz gut so 😉

    Wenn man furchtbares erlebt, sitzt die Furcht aber nicht in den Worten, sondern in den daran gekoppelten Emotionen und je nach Thema, Intensität und Stärke, gehen sie auch früher oder später in das Materielle, dem Körper über.
    Ich habe aber vor kurzem die Erfahrung gemacht, dass Mann und Frau auf dem Weg natürlich gänzlich anders agieren und interpretieren, aber deshalb gibt es ja auch noch die zwei rein materiellen Geschlechter, um zu lernen, also vom Gegenpol.

    Ich muss aufhören, diese Themen sind einfach viel viel viel zu komplex, um kurz nen Kommentar dazu abzusondern 😉

    Wer furchtbares erlebt hat, meist ja in der Kindheit, kommt um hard eingreifende Hilfen nicht herum, denn man das ganze aus der Schublade holen und ohne Furcht bertrachten, dann löst es sich auf. Ich bin ja ein absoluter Freund und Verfechter von psychoaktiven Hilfsmitteln, aber, bei allen vorausgesetzt, man will und möchte es (gesunden durch Veränderung), hilft auch das holotrope Atmen sehr gut, denn dem Stanislav ging es darum, etwas zu entwickeln um in andere (heilsamere) Bewusstseinzustände zu gelangen, ohne sich gleichzeitig strafbar zu machen (wenn man sich ins Drogenmileu bewegt).
    Dies ist auch der Grund warum die heilsamen gleich erweiternden Drogen verboten sind: der Mensch würde sich seiner selbst und den unversellsten Naturgesetzen voll und ganz bewusst, natürlich nur, wenn man die zu benutzende Hilfsmittel auch versteht.

    So, nun aber wirklich: Juts Nächtle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s