Von Fürsten und Geldverleihern und der Waage der Macht

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Nachdem also ganz grundsätzlich klar ist, was Geld ist und wie Geld als notwendiges Element der Machtsicherung eines Machthabers zustandekommt, wenden wir die ganze Einsicht mal auf heutige Verhältnisse an.

In früheren Staatsformen war für alle ersichtlich, wer der Machthaber war (Priester/Adel/Kriegsherren), wer die Macht durchsetzte (Beamte, Büttel und Henker), und wer alles finanzieren mußte (das Volk). Chef war, wer die Abgaben festlegte und bekam.

Das hat sich geändert, seit sich jemand dazugeschaltet hat: die Geldverleiher. Ursprünglich und für eine ganze Weile bestimmte allein der Machthaber, was Geld war, also, wieviel Abgaben er fordern wollte und was er als Abgabe gelten ließ und was nicht. Diese „Kompetenz“ war wirtschaftliche Grundlage, sichtbarer Ausdruck und nicht zuletzt Sinn und Zweck seiner Macht: die unverblümte Aneignung und Verwendung des Leistungspotentials/Vermögens anderer Menschen für die Erfüllung seiner Wünsche.

Anfangs waren die Geldverleiher noch ganz der Macht des Fürsten ausgeliefert, und er befreite sich auch in schöner Regelmäßigkeit von seinen Schulden bei ihnen, indem er sie aus dem Land jagte oder einfach umbringen ließ. Die Macht durch Gewalt lag also trotz seiner Abhängigkeit von den (durch Zinsen reich gewordenen) Geldverleihern noch einigermaßen klar bei ihm und seinem Gefolge.

Aber die Geldverleiher wollten dasselbe wie er: das Leistungspotential/Vermögen der Menschen zur Erfüllung ihrer eigenen Wünsche. Allerdings waren sie keine stolzen Kriegsherren. Körperliche Gewaltanwendung war ihre Sache nicht, weder bei Angriff noch bei Verteidigung. Dafür waren sie aber sehr schlau und so skrupel- wie gnadenlos. Sie wollten sich nicht nur das Leistungspotential/Vermögen der Menschen aneignen, sondern auch die Macht der Fürsten. Sie wollten mit deren Gewalt selbst über Abgaben, Leben und Tod bestimmen.

Gleichzeitig wollten sie aber nicht das übliche Risiko des Fürsten tragen, Gegengewalt auf sich zu ziehen. Wer Gewalt anwendet, gegen den wird Gewalt gerichtet. Sie wollten Sicherheit. Und sie wollten außerdem selbst bestimmen, wie schnell die Schulden wuchsen und wann und wie sie wieder reduziert wurden. Ganz schön viele Wünsche auf einmal, nicht?

Die Geldverleiher dachten ein bißchen nach und stellten nach ein wenig Herumprobieren fest, daß es für ihre Anliegen vorteilhafter war, wenn auf dem Thron der Macht gar keine Fürsten mit grundsätzlich lebenslanger Legitimation saßen, sondern stattdessen auswechselbare, „vom Volk gewählte“ und grundsätzlich nur auf Zeit legitimierte Leute. Solche Machthaber waren viel leichter zu führen und konnten auch kaum gefährlich werden für die Geldverleiher. Denn wenn sie sich erdreisteten, den Geldverleihern nicht zu gehorchen, dann war es ein Leichtes, ihnen die Macht wieder zu entziehen. Entweder man dirigierte das ahnungslose, leichtgläubige Volk dazu, diese Machthaber auf Zeit abzuwählen oder gewaltsam abzusetzen, oder man sorgte dafür, daß ihnen unversehens ein Unglück wiederfuhr, das sie außer Gefecht setzte.

Dieser Versuchsaufbau bewährte sich hervorragend. Alle Wünsche der Geldverleiher wurden dabei erfüllt. Sie genossen alle Vorteile der Macht, ohne deren Risiko tragen zu müssen. Denn im Blickfeld einer möglichen Gegenmacht würden nie die Geldverleiher stehen, sondern stets die Leute auf dem Thron der Macht.

Die Geldverleiher stellten sich außerhalb der Waage der Macht und spielten mit ihr. Sie sorgten dafür, daß die Waagschale der Macht nie voll war, indem sie sich großzügig daraus bedienten, und ließen die Waagschale der Macht immer mehr Leistung und Vermögen aus der Waagschale der Ohmacht fordern. Das Ungleichgewicht der Macht diente ihnen dazu, den arbeitenden Menschen in der Waagschale der Ohnmacht ihr Leistungspotential/Vermögen zu nehmen. Die Waagschale der Macht diente ihnen dabei als Vollstrecker, wobei es für die Menschen so aussah, als sei die Waagschale der Macht ihr Widersacher.

Es war das Ziel der Geldverleiher, zu ihrem eigenen Vorteil erst beide Waagschalen ins maximale Ungleichgewicht zu bringen und dann möglichst lange in diesem maximalen Ungleichgewicht zu halten. Macht ist ein nachwachsener Rohstoff, der aus dem Willen des Menschen sprießt. Die Waagschale der Menschen wird nicht leer bleiben, solange Menschen leben. Sie werden immer für das Überleben ihrer Kinder sorgen wollen. Man braucht ihnen nur immer wieder alles wegzunehmen …

Die Geldverleiher bemühten sich nach Kräften, den Willen der Menschen in der Waagschale der Ohnmacht von frühester Kindheit an immer nur auf die (aus Sicht der Geldverleiher) bedarfsgerechte Vermögensproduktion (=Arbeit) in ihrer Waagschale zu richten und es den Menschen möglichst abzugewöhnen, über den Rand ihrer Waagschale der Ohnmacht hinauszuschauen. Die Geldverleiher redeten den Menschen auch ein, daß sie jede Menge Vorteile davon hätten, ihr Vermögen an die Waagschale der Macht abzugeben, ja, daß es anders ja auch überhaupt nicht ginge, denn sonst würden die Menschen ja übereinander herfallen und sich gegenseitig abschlachten. Und die Menschen glaubten das auch alle.

Alle? Nein, nicht alle. Es gibt Menschen, die erinnern sich daran, was sie als kleine Kinder auf dem Spielplatz gelernt haben. Damals auf der Wippe. Wenn man auf der anderen Seite der Wippe einen Schwereren zu sitzen hat, dann ist man oben in luftiger Höhe keineswegs in Sicherheit, sondern auf Gedeih und Verderb dem Willen des Schwereren ausgeliefert. Man ist machtlos. Und wenn der Schwerere das macht, was ein Dritter sagt, der nur daneben steht, dann ist man diesem Dritten ausgeliefert.

Es gab allerdings immer einen Ausweg. Der erforderte natürlich Mut und Selbstvertrauen. Erinnert ihr euch?

Abspringen. Und danach vorsichtig sein, mit wem man spielt. Besonders auf der Wippe. Ich habe später nur noch mit Kindern gewippt, auf deren Loyalität und Fairness ich erfahrungsgemäß vertrauen konnte.

Ich wünsche uns allen den Mut, abzuspringen.

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  1. Geniales Gleichnis, glasklar auf den Punkt gebracht. Diese Art von menschengerecht bildhafter, gut verständlicher und dem logischen Denken gerecht werdender Prosa fehlt unter anderem in unseren Schulbüchern. Mit solchen Texten würde kein Kind es mehr schwer haben, den einfachen Wahrheiten hinter der großen Lüge auf die Schliche zu kommen, die Welt so zu verstehen, wie sie wirklich ist, und Erwachsene müssten sich nicht mehr mit jahrzehntelangen Sinnkrisen herumschlagen, bis die Mehrheit verurteilt ist, dumm zu sterben und nur wenige mit Glück vom Schicksal die Chance erhalten, noch rechtzeitig, aber dennoch zu spät, aufzuwachen.

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